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MT/MX-Migration im Zahlungsverkehr – Die richtige Strategie in Zeiten unsicherer Planung

Die Umstellung der xBorder- und HVPS-Zahlungsverkehrssysteme auf den neuen ISO20022-Standard ist das erste Projekt in der Geschichte der deutschen Bank-IT, das von einer Pandemie überrollt wird, welche den Alltag und das Wirtschaftsleben weltweit zum Stillstand bringt. Auch in der Finanzwirtschaft liegt der Fokus der Teilnehmer selbstverständlich auf dem Schutz der Gesundheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und der Erhaltung der Betriebsbereitschaft der Institute. Es ist daher völlig nachvollziehbar, dass derzeit alle Projekte auf den Prüfstand kommen, die für die Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs nicht unbedingt notwendig sind.

Bei der MT/MX-Migration geben die zeitlichen Rahmenbedingungen allerdings die zentralen Institutionen vor, also das Eurosystem (Target2), die EBA (EURO1) und SWIFT (xBorder). Und deren Planung ist in Bewegung: SWIFT hatte bereits vor der Eskalation der Corona-Krise eine Verschiebung der Koexistenzphase um ein Jahr angekündigt. Die EZB bekräftigt dagegen bislang, gegenteiligen Forderungen aus den Instituten und ihrer Verbände zum Trotz, an der Migration per Big Bang im November 2021 festhalten zu wollen.

Institute müssen nun entscheiden: Ist es richtig, die Projektarbeiten zu verlangsamen, um andere Themen priorisieren zu können? Könnte es im Angesicht von Corona nicht sogar die beste Strategie sein, es bei der bisherigen MT-Verarbeitung zu belassen und Nachrichten nur dort zu konvertieren, wo unbedingt nötig? Oder sollte man der Empfehlung von SWIFT folgen, bis zu dem neuen Starttermin der Koexistenzphase eine weitergehende Integration des neuen Standards anzustreben?

Verfolgt man die Stellungnahmen aus der Payment-Community, so scheint dort Einigkeit zu bestehen, dass Institute besser „den Fuß nicht vom Gas nehmen“, sondern die gewonnene Zeit für eine tiefere Integration und funktionale Weiterungen nutzen.

Dieser Beitrag versucht einen etwas differenzierten Blick. Wir sind überzeugt davon, dass die richtige Strategie unter ganzheitlicher Abwägung der nachfolgenden Aspekte für jedes Institut individuell getroffen werden muss.

 

1. xBorder (CBPR+) und Euro-Clearing (HVPS)

 

Sollten die Starttermine für die MX-Verarbeitung von Target2/EURO1 und SWIFT tatsächlich auseinanderfallen, so muss in jedem Fall eine Anpassung der Projektpläne erfolgen. Denn in diesem Fall müssen zwischen November 2021 und November 2022 Institute Nachrichten, von MX nach MT umwandeln, die aus dem Euro-Clearing-System via SWIFT an eine Korrespondenzbank weitergeleitet werden. Hierfür braucht es Lösungen; wobei sich nicht ganz einfach zu beantwortende Fragen stellen, etwa, wie eine solche Konvertierung erfolgen kann, ohne dass für die Compliance-Prüfungen relevante Daten verloren gehen. SWIFT hat Vorgaben für eine einheitliche Konvertierung bereits angekündigt.

Im Übrigen stellt sich bei einem Replanning vor allem die Frage, wie sich zugleich Synergien erhalten und erweiterte zeitliche Spielräume nutzen lassen.

Im Backoffice weisen die Prozesse zu Euro-Clearing und xBorder einige Gemeinsamkeiten auf, deren einheitliche Bearbeitung auch bei unterschiedlichen Start-Terminen von ISO20022 sinnvoll ist. Weiterhin gibt es in der Migration Themen, die für xBorder und Euro-Clearing gleichermaßen gelöst werden müssen, so etwa die Verarbeitung strukturierter Verwendungszwecke mit bis zu 9.000 Zeichen in Systemen, die bislang auf 140 Zeichen ausgerichtet sind. Auch hier scheint es besser, das Thema einmal und einheitlich zu lösen.

Umgekehrt gibt es gerade im xBorder-Bereich spezifische Herausforderungen, welche sich aufgrund der SWIFT-Verschiebung möglicherweise depriorisieren lassen. Dazu zählen etwa die Anpassungen an den Frontends in den Filialen, welche mit Blick auf Corona gerade unter besonderen Herausforderungen stehen (dazu noch später unter 7.).

 

2. Vollständige Umstellung oder Konverter-Lösungen

Die bisherigen Strategien der Institute lassen sich grob in zwei Kategorien unterteilen: Solche, die bereits bis November 2021 alle relevanten Anwendungen auf ISO20022 umgestellt haben wollten und solche, die zunächst die vorhandene MT-Verarbeitung beibehalten und eingehende MX-Nachrichten zu diesem Zweck in MT konvertieren (vgl. hierzu auch unser Whitepaper).

Institute, die von vorneherein auf eine vollständige Umsetzung von ISO20022 gesetzt haben, gewinnen nun mehr Zeit dieses – ohnehin recht ambitionierte – Ziel zu erreichen. Institute, die bis November 2021 lediglich in der Lage sein wollten, eingehende MX-Nachrichten mithilfe einer Konverterlösung zu verarbeiten, haben nun die Möglichkeit, diese Strategie zu hinterfragen. Die SWIFT-Organisation selbst hegt die Hoffnung, dass aufgrund der Verschiebung mehr Institute von Anfang an die erweiterten Möglichkeiten von ISO20022 in der End-to-End Verarbeitung und keine auf das Messaging reduzierte Zwischenlösungen implementieren.

 

3. Erweiterte Services

Die Entscheidung für oder gegen eine schnelle End-to-End Implementierung von ISO20022 hängt allerdings auch von der Marktpositionierung des Instituts ab. Es ist zu erwarten, dass die erweiterten Möglichkeiten von ISO20022 vor allem im Bereich des Corporate Banking signifikanten Mehrwert stiften. Institute, bei denen die Begleitung von Unternehmenskunden in ihrem Auslandsgeschäft zu den Kernkompetenzen zählt, vermögen sich durch eine frühe Adaption von ISO20022 eher Wettbewerbsvorteile zu verschaffen als Institute, die vor allem im Retail Banking tätig sind.

Diejenigen Institute, die auf erweiterte End-to-End-Services im Zahlungsverkehr setzen, sind typischerweise auch Teilnehmer von SWIFT gpi. Die Planungen von SWIFT gpi bleiben, soweit ersichtlich, zunächst unverändert. Teilnehmende Institute sind in ihrer Projektplanung daher weiterhin zusätzlich an die gpi-Roadmap gebunden.

 

4. Legacy-Strategie

Entscheidend für den bestmöglichen Umgang mit den veränderten zeitlichen Rahmenbedingungen der MT/MX-Migration ist auch die Strategie des jeweiligen Instituts in Bezug auf die vorhandenen Legacy-Systeme. Für eine möglichst einfache Konverter-Lösung kann sprechen, dass die betroffenen Anwendungen mittelfristig ohnehin abgelöst werden sollen, eine Umstellung auf ISO20022 also Sunk Costs verursachen würde. Dieses Argument bleibt auch im Angesicht der Verschiebung relevant, zumal der Endtermin für die Koexistenzphase (2025) nach heutiger Planung unverändert bleibt.

 

5. Einbeziehung disruptiver Lösungen

In der Payment Community wird auch gemutmaßt, dass die Verschiebung von SWIFT MX disruptiven Anbietern wie Ripple Chancen bietet, sich als Alternative zu positionieren.

Für Institute, die bereits heute neben SWIFT auf disruptive Anbieter wie Ripple setzen, sollte sich die Frage stellen, inwieweit die Verschiebung zum Anlass genommen werden kann, die unterschiedlichen Netzwerke so zu integrieren, dass aus Sicht des Kunden ein einheitliches, funktional und kostenseitig optimiertes Serviceangebot entstehen kann. Heute beschränken sich viele Bankenpartner DLT-basierter Paymentnetzwerke auf prototypische Insellösungen ohne Integration in das Massengeschäft.

 

6. Inhouse-Lösung oder Outsourcing

Bei all diesen Überlegungen darf nicht übersehen werden, dass viele Institute die Abwicklung ihres xBorder und HVPS-Zahlungsverkehrs nicht selbst erledigen, sondern bereits ausgelagert haben oder eine solche Auslagerung kurzfristig planen.

Im Zusammenhang mit der MT/MX-Migration ist es ein wesentlicher Vorteil des Outsourcing, dass bei spezialisierten Zahlungsabwicklungsdienstleistern fachliches und technisches Know-how in den hier relevanten Disziplinen der Bank-IT vorhanden ist, welches sonst am Markt kaum zu bekommen ist. Durch die Möglichkeit der Abbildung von industrieweiten Standards in entsprechend standardisierten Services entstehen Synergien, die sich positiv auf die mit der MT/MX-Migrationen verbunden Gesamtkosten der Institute auswirken.

Möglicherweise ist die angekündigte Verschiebung für das eine oder andere Institut ein guter Anlass, die bislang getroffene „Make or Buy“-Entscheidung zu überprüfen.

 

7. MT/MX-Projekte im Corona-Schock

Es lässt sich dieser Tage seriös nicht vorhersagen, vor welche Herausforderungen die Corona-Krise die Finanzwirtschaft noch stellen wird. Hier und heute stehen die meisten Institute vor der Frage, welche Change-Projekte sie im Sinne der Konzentration auf die Betriebserhaltung stoppen und welche sie zur Vermeidung von hohen Wiederanlaufkosten und im Sinne der Behauptung der eigenen Marktpositionierung in der Digitalisierung besser fortsetzen.

Klar ist: Auf einige Bereiche vieler Institute kommen nun enorme Mehrbelastungen zu, etwa aufgrund der notwendigen Bearbeitung von Förderkrediten, was, auch mangels vollständig digitalisierter Prozesse, erhebliche Kräfte in Markt und Marktfolge bündeln wird. Gleiches gilt für den Wertpapierhandel und das Backoffice, welche mit hohen Transaktionsvolumina in Zeiten extremer Volatilität der Märkte zu kämpfen haben.

Im Zahlungsverkehr besteht eine solche zusätzliche Belastung nicht unbedingt in gleicher Weise. Unsere eigene Erfahrung zeigt, dass die mit der MT/MX-Migration verbunden Projektarbeit bereits vor der Corona-Krise vielfach disloziert und online erfolgte. Die durch die Krise erzwungene Hinwendung zum Online-Coworking beeinträchtigt die laufenden MT/MX-Projekte daher möglicherweise weniger als andere Vorhaben vergleichbarer Größe und Komplexität. Es kann also gute Gründe dafür geben, dass die MT/MX-Migration zu jenen Projekten zählt, bei denen es bei ganzheitlicher Betrachtung sinnvoller ist, die Projektarbeit fortzusetzen als diese bis zur Beendigung der Krise einzustellen.

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