Co-Badge-Karten treiben Umbau der Banken-IT

Von Marius Letkiewicz

Mit dem Ende von Maestro hat sich Co-Badge im deutschen Debitmarkt als neues Betriebsmodell etabliert. An die Stelle eines nationalen Kartenprodukts tritt eine Debitkarte, die mehrere Zahlungswelten zugleich erschließt: girocard im Inland kombiniert mit internationalen Schemes für E-Commerce, Wallet, Auslandseinsatz und zusätzliche Akzeptanzszenarien.

Neue Partnerschaften, etwa mit Discover, zeigen, dass sich das Modell weiterentwickelt. Gleichzeitig verfolgen Banken im deutschen Markt unterschiedliche Strategien im Umgang mit Debitkarten. Während insbesondere große Institute weiterhin auf die Kombination aus girocard und Co-Badge (Visa Debit, Mastercard Debit) setzen, gehen andere Häuser stärker in Richtung der internationalen Debitmodelle. Einen entsprechenden Überblick hat Finanz-Szene jüngst veröffentlicht.

Die Zielarchitektur ist damit vielerorts noch nicht abschließend definiert. Was zunächst wie eine pragmatische Produktlösung erscheint, entpuppt sich jedoch als tiefgreifende Veränderung für die Banken-IT. Denn Co-Badge ist kein Kartenfeature – sondern ein Architekturthema.

Vom Kartenprodukt zur Orchestrierung

Die klassische girocard war lange ein stabiles Instrument für den nationalen POS- und GAA-Einsatz. Mit Co-Badge wird daraus ein Multi-Scheme-Zugangsmedium. Eine Karte vereint mehrere Zahlungslogiken, die je nach Nutzungskontext aktiviert werden – im stationären Handel, am Geldautomaten, im E-Commerce oder im Wallet.

Damit verschiebt sich der Fokus von der Karte selbst auf die Fähigkeit der Bank, diese Kontexte zu erkennen und technisch zu steuern. Co-Badge wird damit zur Orchestrierungsaufgabe.

Co-Badge-Routing als zentraler Steuerungsmechanismus

Im Kern dieser Orchestrierung steht das Co-Badge-Routing. Banken müssen definieren, welches Badge in welchem Kontext genutzt wird – inklusive Routing-Regeln, Scheme-Prioritäten, Fallbacks und Übersteuerungsmöglichkeiten. Diese Entscheidungen sind nicht rein technisch. Die Scheme-Auswahl beeinflusst Kosten, Erträge, Akzeptanzreichweite und den Reklamationsaufwand. Gleichzeitig wirken Händler, Acquirer und regulatorische Vorgaben auf das Routing ein. So bevorzugt der Handel häufig das kostengünstigere Verfahren.

Routing wird damit zum strategischen Hebel – und erfordert eine Architektur, die technische Logik und wirtschaftliche Zielsetzungen zusammenführt.

Ein Beispiel verdeutlicht die Komplexität: Der Kunde nutzt dieselbe Co-Badge-Karte im Supermarkt über die girocard, im Online-Shop über ein internationales Scheme, im Wallet tokenisiert und am Geldautomaten im Ausland in einem weiteren Nutzungskontext. Für den Kunden bleibt es „eine Karte“ – für die Bank entstehen jedoch unterschiedliche Entscheidungs- und Verarbeitungsmodelle.

Autorisierung und Risikosteuerung wachsen zusammen

Mit der Multi-Scheme-Nutzung steigen die Anforderungen an Autorisierung und Fraud Detection. Eine PIN-basierte POS- oder GAA-Transaktion unterscheidet sich grundlegend von einem Card-not-Present-Fall im E-Commerce. Autorisierung und Fraud müssen daher in Echtzeit verzahnt werden. Moderne Systeme treffen Risikoentscheidungen unmittelbar im Transaktionsfluss – zunehmend unterstützt durch KI.

Multi-Scheme-Processing als neuer Normalzustand

Mit Co-Badge wird der parallele Betrieb mehrerer Schemes zum Dauerzustand. Dies betrifft Clearing, Settlement, Reconciliation sowie Reklamations- und Chargeback-Prozesse. Da jedes Scheme eigene Formate und Abläufe mitbringt, steigt die Komplexität nicht linear, sondern überproportional. Ohne eine konsolidierende Plattformlogik entstehen schnell Sonderlösungen und manuelle Abhängigkeiten.

Steigende Komplexität in Test und Betrieb

Die Mehrschichtigkeit wirkt sich unmittelbar auf Test und Betrieb aus. Änderungen müssen über mehrere Schemes, Kanäle und Endgeräte hinweg abgesichert werden – sowohl in der Tiefe als auch in der Breite. Gleichzeitig müssen bestehende girocard POS- und GAA-Strecken stabil betrieben werden. Banken stehen damit vor der Herausforderung, Innovation und Stabilität parallel sicherzustellen.

Legacy-Systeme als struktureller Engpass

Viele bestehende Systeme sind auf diese Anforderungen nicht ausgelegt. Sie sind häufig batch-orientiert, monolithisch und auf einzelne Schemes zugeschnitten. Co-Badge lässt sich zwar auf bestehende Landschaften aufsetzen. Langfristig tragfähig wird dieses Modell jedoch nur, wenn eine zentrale Orchestrierungsarchitektur entsteht. Diese muss Nutzungskontexte erkennen, Routing-Entscheidungen treffen, Autorisierung und Risikosteuerung integrieren und die scheme-spezifische Verarbeitung kapseln.

Genau hier setzen aktuelle Transformationsansätze an: durch die Entkopplung von Legacy-Systemen über API- und Orchestrierungsschichten, die Definition klarer Routing- und Entscheidungslogiken sowie die Standardisierung von Betriebsprozessen und Schnittstellen.

Ziel ist es, Zahlungsverkehrsfunktionen modular bereitzustellen – als wiederverwendbare Bausteine mit definierten Features, Parametern und SLAs.

Ausblick: von Co-Badge zu Multi-Badge

Die Entwicklung endet nicht beim Co-Badge. Perspektivisch entstehen Multi-Badge-Modelle, in denen weitere Zahlungswege integriert werden. Damit rückt auch das Thema Souveränität stärker in den Fokus. Co-Badge sichert Reichweite, erhöht aber gleichzeitig die Abhängigkeit von globalen Anbietern. Banken müssen ihre Architektur daher so gestalten, dass neue Verfahren flexibel integriert werden können.

Co-Badge ist kein Übergangsphänomen, sondern der Einstieg in eine neue Phase des Zahlungsverkehrs. Die eigentliche Transformation findet in der Banken-IT statt: hin zu orchestrierten, modularen Systemen, die Routing, Autorisierung, Fraud und Multi-Scheme-Processing integrieren. Banken, die Co-Badge lediglich als Produkt behandeln, unterschätzen diese Verschiebung. Entscheidend wird die Fähigkeit sein, Zahlungsprozesse flexibel, wirtschaftlich und resilient zu steuern.


Co-Badge Girocards von Ostsächsischer Sparkasse Dresden und VR Bank Main-Kinzig-Büdingen

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