Von Bernhard Uitz und Lukas Romeiser
„Start testing now.“ Deutlicher hätte die Botschaft des jüngst veröffentlichten europäischen Testing Plans für die T+1-Einführung kaum ausfallen können.
Während die offiziellen Markt-Tests erst 2027 stattfinden werden, sollen Banken, Wertpapierinstitute und Marktinfrastrukturen bereits heute ihre Vorbereitungen beginnen. Der Grund liegt auf der Hand: Mit der Verkürzung des Settlement-Zyklus auf einen Geschäftstag reicht es nicht mehr aus, einzelne Systeme erfolgreich zu testen. Entscheidend wird das Zusammenspiel kompletter Prozessketten über Instituts- und Marktgrenzen hinweg.
Genau deshalb entwickelt sich Testmanagement zu einem der zentralen Erfolgsfaktoren der europäischen T+1-Umstellung. T+1 betrifft die gesamte Transaktionskette – von Handelsplätzen und Clearinghäusern über Verwahrstellen und Custodians bis hin zu Banken, Brokern und institutionellen Investoren. Entsprechend muss auch die Qualitätssicherung über einzelne Anwendungen und Systemgrenzen hinausgehen.
T+1-Testing beginnt nicht erst 2027
Viele Marktteilnehmer verbinden T+1-Tests vor allem mit den europaweit vorgesehenen Testfenstern im Jahr 2027. Diese werden zweifellos eine wichtige Rolle spielen. Wer jedoch erst dann mit der Vorbereitung beginnt, wird wertvolle Zeit verlieren.
Bereits heute analysieren zahlreiche Institute ihre bestehenden Prozessketten, identifizieren zeitkritische Verarbeitungsschritte und überprüfen, an welchen Stellen organisatorische oder technische Abhängigkeiten zu Verzögerungen führen können. Ziel ist es, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Transaktionen künftig innerhalb der deutlich verkürzten Fristen verarbeitet werden können.
Im Mittelpunkt stehen dabei Fragen wie:
- Wo entstehen heute fachliche oder technische Prozessstopps?
- Welche Verarbeitungsschritte verursachen Wartezeiten?
- Welche Abläufe sind noch nicht ausreichend automatisiert?
- Wie schnell können Fehler erkannt und behoben werden?
- Welche Abhängigkeiten bestehen zu internen und externen Partnern?
Diese Fragestellungen zeigen bereits, dass T+1-Testmanagement weit über die klassische Durchführung von Testfällen hinausgeht. Bevor End-to-End-Tests mit Marktpartnern sinnvoll durchgeführt werden können, müssen die eigenen Prozesse ausreichend transparent und belastbar sein.
Kein europaweiter Testfallkatalog
Bemerkenswert ist, dass die europäische T+1-Testing-Strategie bewusst auf einen verbindlichen Testfallkatalog verzichtet. Anders als bei vielen regulatorischen Initiativen gibt es keine zentrale Liste verpflichtender Testszenarien, die von allen Marktteilnehmern identisch abgearbeitet werden müssen.
Stattdessen verfolgt die europäische T+1-Initiative einen risikoorientierten Ansatz. Jedes Institut ist aufgefordert, seine individuellen Prozessketten, Produkte, Märkte und Abhängigkeiten zu analysieren und daraus eine eigene Teststrategie abzuleiten.
Im Mittelpunkt stehen dabei weniger einzelne Testfälle als vielmehr zentrale Fragestellungen zur operativen Leistungsfähigkeit:
- Wie schnell werden Settlement Instructions erstellt und versendet?
- Wie hoch sind die Matching-Raten?
- Wie effizient lassen sich Ausnahmen und Fehlerfälle bearbeiten?
- Welche manuellen Eingriffe unterbrechen heute den STP-Prozess?
- Welche Abhängigkeiten bestehen zu Gegenparteien, Custodians oder Marktinfrastrukturen?
Die europäischen Gremien nennen dabei insbesondere vier Kennzahlen, die Institute im Blick behalten sollten: die Geschwindigkeit von Allocation und Confirmation, den Zeitpunkt der Instruktionserstellung, die Matching-Raten sowie die Settlement-Effizienz. Damit wird Testmanagement zu einer Managementaufgabe. Gefragt sind nicht nur Tester und Fachbereiche, sondern auch Programmverantwortliche, Operations-Einheiten und Prozessverantwortliche.
Von der Prozessanalyse zum End-to-End-Test
In vielen Häusern konzentrieren sich die aktuellen Aktivitäten zunächst auf die Optimierung einzelner Prozessschritte. Das ist sinnvoll und notwendig. Schließlich können nur Prozesse erfolgreich in einem T+1-Umfeld funktionieren, die bereits heute weitgehend automatisiert und stabil laufen.
Aus unserer Sicht lässt sich die T+1-Teststrategie in drei Stufen einteilen.
Die Basis bilden interne Tests und Prozessanalysen. Hier geht es darum, Durchlaufzeiten zu messen, manuelle Prozessschritte zu identifizieren, STP-Breaks zu beseitigen und bestehende Abläufe zu beschleunigen.
Darauf aufbauend gewinnen bilaterale Tests an Bedeutung. Banken, Broker, Custodians oder andere Marktteilnehmer können bereits heute gemeinsam Szenarien durchspielen, Nachrichten austauschen und die Interaktion ihrer Prozesse überprüfen. Solche Tests liefern häufig wertvolle Erkenntnisse, die sich in rein internen Testumgebungen nicht gewinnen lassen.

Erst in der dritten Stufe folgen die groß angelegten marktweiten Tests, bei denen zahlreiche Marktakteure gemeinsam ihre T+1-Fähigkeit überprüfen. Der europäische Testing Plan sieht hierfür fünf koordinierte Testfenster im Jahr 2027 vor: Anfang Februar, Ende April, Ende Mai, Ende Juni bis Anfang Juli sowie Ende August bis Anfang September.
Während diese Tests in Großbritannien und der Schweiz vor allem die marktübergreifende Interaktion adressieren, kommt in der EU ein weiterer Aspekt hinzu: die Vorbereitung auf den neuen T2S Operational Day einschließlich des Settlement Optimisation Gating Events. Die entsprechenden Änderungen werden bereits ab dem 14. Juni 2027 produktiv wirksam und können im Rahmen eines zusätzlichen Testzeitraums zwischen April und Oktober 2027 umfassend erprobt werden.
Diese Abfolge ist wichtig. Marktweite Tests können nur dann erfolgreich sein, wenn die beteiligten Institute ihre internen Hausaufgaben bereits erledigt haben.
Bilaterale Tests gewinnen an Bedeutung
Gerade bei diesem Thema sehen wir derzeit noch erhebliches Potenzial.
Viele Institute konzentrieren sich verständlicherweise zunächst auf ihre eigenen Systeme und Prozesse. Gleichzeitig entsteht jedoch die Gefahr, dass kritische Abhängigkeiten zu Gegenparteien, Custodians oder anderen Dienstleistern erst sehr spät sichtbar werden.
Der europäische Testing Plan empfiehlt daher ausdrücklich sogenannte Peer-to-Peer-Tests mit ausgewählten Gegenparteien. Institute sollen frühzeitig gemeinsam testen, Nachrichten austauschen und Prozessketten unter realitätsnahen Bedingungen durchspielen.
Dabei bieten bilaterale Tests bereits heute die Möglichkeit, reale Prozessketten unter T+1-Bedingungen zu simulieren. Beispielsweise können Institute Settlement-Instruktionen austauschen, Matching-Prozesse überprüfen oder typische Ausnahmefälle gemeinsam analysieren.
Der Vorteil liegt auf der Hand: Probleme werden früher sichtbar. Gleichzeitig lassen sich gemeinsame Lösungsansätze entwickeln, bevor der Zeitdruck der eigentlichen Umstellung zunimmt.
Aus unserer Sicht sollten Banken und Wertpapierinstitute die Zeit bis zu den offiziellen Markt-Tests gezielt nutzen, um solche Kooperationen aufzubauen. Wer erst auf die großen Testfenster wartet, verschenkt wertvolle Erkenntnisse.
T+1 und Fontus: Testmanagement wird zur Koordinationsaufgabe
Testmanagement beschränkt sich im T+1-Umfeld nicht auf die Planung und Durchführung von Tests. Ebenso wichtig wird die Koordination von Ressourcen, Fachbereichen und Testkapazitäten über mehrere parallel laufende Transformationsvorhaben hinweg.
Gerade für deutsche Banken und Wertpapierinstitute spielt dabei das Projekt Fontus des WM Datenservice eine wichtige Rolle. Wie DPS in mehreren Beiträgen zur Projektentwicklung aufgezeigt hat, werden die anstehenden Tests im Fontus-Umfeld voraussichtlich ebenfalls erhebliche Ressourcen in den Instituten binden. Auch wenn die weitere Zeitplanung derzeit noch Gegenstand laufender Abstimmungen ist, zeichnet sich bereits heute ab, dass die Vorbereitungs- und Testphasen von T+1 und Fontus zumindest teilweise parallel verlaufen werden. Ein aktuelles Update zur weiteren Fontus-Planung wird DPS in Kürze veröffentlichen. Für die betroffenen Marktteilnehmer erhöht dies die Anforderungen an Planung, Priorisierung und Ressourcensteuerung erheblich.
Damit wird deutlich, dass die Verantwortlichen in den Instituten nicht nur die eigentliche T+1-Transformation im Blick behalten müssen. Parallel dazu sind bereits heute Überlegungen erforderlich, wie Testressourcen, Fachspezialisten und Umgebungen für weitere marktweite Vorhaben eingeplant werden können. Insbesondere die Tranchentests im Fontus-Umfeld werden voraussichtlich ebenfalls erhebliche Kapazitäten binden.
Testautomatisierung als strategische Chance
Gerade daraus ergibt sich jedoch auch eine Chance. Wenn Testzeiträume und Ressourcenbedarfe mehrerer Großprojekte zusammenfallen, gewinnt die Automatisierung von Testprozessen zusätzlich an Bedeutung. Institute können die anstehenden Vorhaben nutzen, um End-to-End-Tests von Beginn an stärker zu standardisieren und automatisiert auszuführen. Die Herausforderung liegt dabei insbesondere in der Einbindung externer Marktteilnehmer, Dienstleister und Datenzulieferungen. Gleichzeitig bietet genau dieser Bereich erhebliches Potenzial, um knappe Testressourcen effizienter einzusetzen und die Qualität der Testdurchführung nachhaltig zu erhöhen.
Erfolgreiches Testmanagement bedeutet daher auch, Abhängigkeiten zwischen verschiedenen Programmen frühzeitig zu erkennen und realistische Planungen für Personal, Testumgebungen und fachliche Unterstützung vorzunehmen.
Unser Fazit
Die europäische T+1-Testing-Strategie macht deutlich, dass Readiness nicht erst mit den offiziellen Markt-Tests beginnt. Institute sollten bereits heute ihre Prozessketten analysieren, kritische Abhängigkeiten identifizieren und gemeinsam mit Marktpartnern erste Tests durchführen.
Wer T+1 ausschließlich als Infrastrukturprojekt betrachtet, greift zu kurz. Die Umstellung wird vor allem dort entschieden, wo Prozesse, Menschen und Systeme erstmals unter realistischen Bedingungen zusammenspielen.
Dieser Beitrag bildet den Abschluss unserer T+1-Serie. Gemeinsam mit unseren Experten haben wir verschiedene Perspektiven der europäischen T+1-Umstellung betrachtet – von Scoping und Abhängigkeiten über die Umsetzung bis hin zu den Herausforderungen in Legacy-Architekturen.