Der stille Engpass der Bausparkassen

Warum sich gerade jetzt ein neuer Blick auf Bestandsanwendungen lohnt

Von Daniel Wingert

Wer heute in der IT einer Bausparkasse Verantwortung trägt, hat eine lange Liste strategischer Themen auf dem Tisch. Die Modernisierung der Kernsysteme, DORA, Cybersecurity, Künstliche Intelligenz oder digitale Souveränität beanspruchen Zeit, Budget und Personal. In vielen Gesprächen fällt mir jedoch auf, dass ein anderer Bereich oft nur dann Aufmerksamkeit bekommt, wenn es bereits oder absehbar Probleme gibt: Bestandsanwendungen.

Dabei geht es nicht um Anwendungen, die täglich weiterentwickelt werden. Im Gegenteil. Es sind häufig genau die Systeme, die seit Jahren stabil laufen. Sie erledigen zuverlässig ihre Aufgabe, stehen selten im Mittelpunkt von Projekten und geraten dadurch leicht aus dem Blick.

Gerade im Bauspargeschäft betrifft das Anwendungen, die historische Tarifgenerationen, Bonuszinsmodelle, Wohnungsbauprämien oder Altverträge verarbeiten. Viele dieser fachlichen Besonderheiten begleiten die Institute seit Jahrzehnten und werden darüber hinaus auch noch Jahre bestehen. Deshalb werden entsprechende Anwendungen auch noch lange Teil der IT-Landschaft bleiben.

Stabil heißt nicht automatisch unkritisch

Dass eine Anwendung seit Jahren zuverlässig funktioniert, ist zunächst eine gute Nachricht.

Die Herausforderung beginnt häufig an anderer Stelle.

Wer kennt die Anwendung heute noch wirklich? Wer versteht die fachlichen Besonderheiten? Wer kann nachvollziehen, warum bestimmte Berechnungen genauso umgesetzt wurden?

In vielen Häusern verteilt sich dieses Wissen inzwischen auf wenige COBOL- oder Host-Spezialisten. Ein Teil davon wird in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen. Gleichzeitig wächst der Druck, erfahrene Mitarbeiter für neue Projekte einzusetzen – von der Modernisierung der Kernsysteme bis hin zu KI-Initiativen.

Dadurch geraten Bestandsanwendungen in eine Situation, die ich in Projekten immer häufiger beobachte: Technisch laufen sie stabil. Organisatorisch werden sie jedoch zunehmend zu einem Risiko.

Nicht jede Anwendung braucht dieselbe Aufmerksamkeit

Aus meiner Sicht lohnt sich deshalb eine einfache Überlegung. Muss jede Anwendung dauerhaft mit denselben internen Ressourcen betreut werden wie Projekte, die unmittelbar zur zukünftigen Wettbewerbsfähigkeit beitragen?

Viele Bestandsanwendungen verändern sich fachlich nur noch selten. Gleichzeitig müssen sie zuverlässig laufen, regulatorische Anforderungen erfüllen und jederzeit nachvollziehbar bleiben.

Für solche Anwendungen kann ein spezialisiertes Application Management eine sinnvolle Option sein. Nicht weil diese Systeme weniger wichtig wären. Sondern weil sie einen anderen Betreuungsbedarf haben als Projekte, die sich kontinuierlich weiterentwickeln.

Während der Betrieb abgesichert wird, gewinnen interne Teams Freiräume für Themen wie Digitalisierung, KI, regulatorische Anforderungen, Weiterentwicklung der Kernsysteme oder die Umsetzung neuer Business-Cases.

Wissen sichern, solange es noch vorhanden ist

Ein weiterer Punkt wird häufig unterschätzt: Bei Bestandsanwendungen geht es selten nur um Quellcode. Entscheidend ist das technische und fachliche Wissen dahinter.

Warum verhält sich ein Tarif genau so? Welche Ausnahme wurde vor zwanzig Jahren eingebaut? Welche Auswirkungen hat eine Änderung auf andere Prozesse?

Solche Zusammenhänge stehen oft in keiner Dokumentation. Genau deshalb sollte Wissenssicherung nicht erst beginnen, wenn erfahrene Mitarbeiter das Unternehmen verlassen.

Aus meiner Sicht gehört sie heute zu jedem professionellen Application Management.

KI kann dabei sinnvoll unterstützen

Genau an diesem Punkt verändert sich auch die Rolle von Künstlicher Intelligenz. Während KI in vielen Diskussionen vor allem mit Softwareentwicklung oder Automatisierung verbunden wird, eröffnet sie im Application Management ganz andere Möglichkeiten. Sie unterstützt dabei, bestehende Anwendungen zu analysieren, Dokumentationen zu erstellen und über Jahre gewachsenes Fachwissen systematisch aufzubereiten.

Gerade bei Mainframe-Anwendungen kann das den Wissenstransfer erheblich erleichtern – selbstverständlich immer unter Berücksichtigung von Datenschutz, digitaler Souveränität und den regulatorischen Anforderungen der Finanzbranche.

Mein Fazit

Bestandsanwendungen werden auch in modernen IT-Landschaften noch lange eine wichtige Rolle spielen. Das gilt insbesondere für Bausparkassen mit ihren historisch gewachsenen Tarifwelten und Vertragsbeständen.

Deshalb lohnt es sich, diesen Anwendungen dieselbe Aufmerksamkeit zu schenken wie den großen Transformationsprojekten. Nicht, weil sie spektakulär sind. Sondern weil sie jeden Tag zuverlässig funktionieren müssen.

Wer den Betrieb, die Dokumentation und den Wissenstransfer frühzeitig organisiert, schafft mehr als Stabilität. Es entstehen Freiräume für die Themen, die die IT der Bausparkassen in den kommenden Jahren prägen werden.

Sie interessieren sich für unser Application Management?

Sie wollen mehr über unsere umfangreichen Services im Bereich Application Management erfahren? In einem ersten, unverbindlichen Gespräch klären wir gemeinsam, wie DPS Sie unterstützen kann.

Sie haben Fragen zu unserer Expertise, unseren Services oder Produkten? Sie suchen Unterstützung bei konkreten Herausforderungen? Sprechen Sie uns gerne an.